Die alten Meister - Louis Seeger
Die Welt schaut Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem auf Frankreich. Hier verändert die Französische Revolution gerade maßgeblich das gesellschaftliche Gefüge. Pferde werden in Frankreich vor allem in der Kavallerie eingesetzt. Die militärische Reiterei prägt daher in diesen Jahrzenten auch die vermittelten Reitweisen. In Berlin und Wien werden Pferde zur gleichen Zeit vor die ersten Straßenbahnen gespannt und ermöglichen so den Transport größerer Personengruppen. In München wird derweil von einem Schauspieler und Schriftsteller die Lithografie entwickelt – er hatte die Idee zu diesem Steindruck aus dem Wunsch heraus verfolgt, Noten schöner zu vervielfältigen. Die Lithografie entwickelte sich im 19. Jahrhundert schnell zu der wichtigsten Methode um Bilder zu vervielfältigen. Vervielfältigung und Verbreitung ist auch die Devise in der Reiterei – es geht darum das Wissen um die Kunst einer größeren Personengruppe zu ermöglichen. Und während Francois Baucher mit seiner ersten und zweiten Manier in Frankreich viel Aufsehen erregt und eine rege Diskussion um seine Methoden auslöst, eröffnet sein Zeitgenosse Louis Seeger, der einer seiner größten Kritiker wird, in Deutschland, genauer gesagt in Berlin, die erste private Reitschule.
1798 in eine Familie geboren, in der für die Männer Pferde und die Reitkunst zum Alltag gehörten, wuchs Louis Seeger stark vom Vorbild des Vaters und des großen Bruders geprägt auf. Beide waren „Reiter vom Fach“ und vermittelten ihm seiner späteren Einschätzung nach „viel Nachahmenswertes“. Seine Ausbildung absolviert Louis Seeger bei Maximilian Weyrother an der Spanischen Hofreitschule in Wien. Weyrother ist stark von den Lehren Guérinières beeinflusst und so prägt diese Reitweise auch Louis Seeger. Auf diese Weise mit besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche reiterliche Karriere ausgestattet, erfasst Louis Seeger schnell, dass die Kunst des Reitens weiterer Hilfsmittel bedarf, die nur auf dem Weg der Empirie zu erwerben sind, also durch fortgesetztes Anwenden, Hinterfragen und Weiterentwickeln. Eine zeitraubende Arbeitsweise. Der feine Unterschied zwischen Reitkunst und Kunstreiten ist ihm dabei stets präsent und wird ihm zum besonderen Anliegen. Wie bereits andere Ausbilder vor ihm unterscheidet Seeger zwischen Campagne-Reiterei und hoher Schule. Doch Seeger geht einen Schritt weiter und widmet sich darüber hinaus verschiedenen Zwecken des Reitens, die auch ohne die regelgetreue Dressur des Pferdes zu erzielen sind, wenn auch die langfristige Gesunderhaltung des Pferdes dabei nicht immer im Bestmaß zu gewähren ist. Eine Maßnahme, die ihm angesichts der aktuellen Entwicklung der Reiterei erforderlich erscheint. Mit der Gründung der ersten privaten Reitschule in Berlin setzt Louis Seeger schließlich neue Maßstäbe: er macht die Vermittlung des Wissens um die Kunst des Reitens einer noch breiteren Masse von Interessierten zugänglich.
Seeger beeindruckt vor allem mit einer klaren Ausdrucksweise und seiner messerscharfen Wahrnehmung der Probleme, die zu seiner Zeit in der Reiterei zu beobachten sind. So bemerkt Seeger, dass ältere Reitlehren sich in der Regel auf die Ausbildung eines gut gebauten und kräftigen Pferdes beziehen, die Anwendung der dort erwähnten Methoden aber für die große Anzahl der Pferde, die dieses Gebäude vermissen lassen, nicht geeignet ist. Große Heere und ein entsprechend großer Bedarf an Pferden lässt eine Selektion nach dem Gebäude schlichtweg nicht zu. Und auch sonst ist der Bedarf an Pferden zu groß um allein auf ein korrektes Exterieur zu achten. Damit die von ihm entwickelten Ausbildungs-Prinzipien erfolgreich angewendet werden können, schult er seine Schüler deshalb besonders in der Beurteilung eines Pferdes. Nicht nur die äußeren Merkmale wie kurzer oder langer Rücken, kräftige oder schwache Hinterhand zählen dazu. Er lässt seine Eleven bestimmen, wo der Schwerpunkt des Pferdes liegt, vermittelt die Bedingungen, unter denen Vorderhand und Hinterhand geschult werden können und erklärt die Wirkung dieser Übungen in Bezug auf die Bewegungs-Mechanik in der Fortbewegung. Ein Vorgehen, das selbst heute überraschend zeitgemäß, besser gesagt, hoch aktuell wirkt.
Ein Beispiel: Seeger vermisst vor allem die Umsetzung des alten Grundsatzes: ohne Hankenbiegung kann kein Gleichgewicht in der Bewegung des Pferdes und unter dem Reiter stattfinden. Für ein Pferd mit gutem Fundament ein Ausbildungs-Schritt, der vom Reiter schnell zu vermitteln ist. Für ein Pferd mit einem schwachen Rücken oder nicht korrekter Winkelung im Hinterbein kann dagegen nur ein gewisser Grad an Hankenbiegung angeraten sein. Hier liegt Seegers Augenmerk auf dem richtig berechneten Stufengrad. Ein Vorgehen, das sehr technisch anmutet, wie viele Gedanken Seegers, aber vor dem Hintergrund….
Mehr zu diesem Thema lesen Sie in unserer Ausgabe 4 / 2011.